Das „Marlboro Movie Camp“: Wie ich es 2004 fast in die USA geschafft hätte

Steffen Anton, 15.11.2025


Mit dem heutigen Text möchte ich ein Kapitel meiner Vergangenheit beleuchten, welches lange im Verborgenen lag. Es war jedoch eine wichtige Station auf dem Weg zu der Person, die ich heute bin. Zudem ist es auch ein skurriles Stück Populärkultur, das in der heutigen Zeit in dieser Form nicht mehr möglich wäre.

Wer in den 1980er- und 1990er-Jahren aufgewachsen ist, der wird sich noch erinnern, dass Zigaretten ein völlig normaler Bestandteil des Alltags waren. Ob im Auto, im Club oder im Restaurant: Es wurde praktisch überall geraucht. Ebenso selbstverständlich war die allgegenwärtige Werbung für die Glimmstängel, sei es im Kino, im Fernsehen, in Zeitschriften oder auf Plakaten. Vor allem die Firma Marlboro war auf diesem Sektor äußerst umtriebig und propagierte mit coolen Cowboys in weiten Landschaften den American Way of Life. Zu dieser Marketing-Maschinerie gehörten auch diverse Promotion-Aktionen wie beispielsweise das „Marlboro Summer Jobbing“, bei dem man einen mehrwöchigen „Work and Travel“-Aufenthalt in den USA gewinnen konnte, immer natürlich unter dem Label des Zigarettenherstellers.

Marlboro Roadmovie

Eine ganz spezielle und heute fast vergessene Aktion war die des „Marlboro Roadmovie“. Der Gedanke dahinter war folgender: Man bewarb sich, wurde durch mehrere Auswahlverfahren geschleust und am Ende konnte man einen Trip in die USA gewinnen, um dort sein eigenes Roadmovie zu drehen. So stand es in einer Anzeige Ende 2003 oder Anfang 2004 in der Zeitschrift „TV Movie“ geschrieben. Für mich als (damals noch) rauchenden Filmfreak schien das genau das Richtige zu sein, daher beschloss ich, mich dort zu bewerben. An der Hotline wurde ich als allererstes gefragt, ob ich denn Raucher sei, und welche Marke ich bevorzuge. Wahrheitsgemäß antwortete ich mit „ja“ und gab natürlich Marlboro an, was ebenfalls den Tatsachen entsprach. Nach einigen weiteren Fragen zu meinen Kenntnissen in englischer Sprache und meinen Erfahrungen im Bereich Film war das Telefonat beendet. Man wolle sich melden, falls ich in die engere Auswahl käme. Und man meldete sich: Anscheinend hatte ich sie überzeugt, und erneut wurden mir viele Fragen gestellt, dieses Mal sogar auf Englisch. Kurze Zeit später bekam ich die Zusage für ein Auswahlcamp in München: Ich hatte es also geschafft! Dort sollten ein kleiner Kurzfilm gedreht und auf diese Weise auch die Kandidaten für den weiteren Wettbewerb gefunden werden. 

Ich hatte damals bereits eine eigene Website und für diese nach dem Event einen Bericht in Form eines Tagebuchs verfasst. Die Website existiert nicht mehr und somit schien auch der Bericht verloren zu sein.  Nach langer Suche auf alten Festplatten und CDs habe ich den Text jedoch nun wieder gefunden und möchte ihn nachfolgend präsentieren. Dabei habe ich lediglich geringfügige Korrekturen in der Rechtschreibung vorgenommen, ihn aber ansonsten so belassen, wie ich ihn seinerzeit niedergeschrieben habe. Es folgt der Einleitungstext von meiner damaligen Website, danach das Tagebuch.


Tja, was gibt es zu sagen? Eine Anzeige in einer Zeitung, zwei Telefonate, mehr war es eigentlich nicht. Kurz und bündig: Ich darf am 31. Januar 2004 nach München fahren. Dort wird ein Kurzfilm gedreht. Wenn der gut ist, geht's weiter nach Berlin. Und mit ein wenig Glück bin ich dann im Frühjahr 2004 zwei Wochen in den USA, wo ich dann mein eigenes Roadmovie drehen darf. Veranstaltet wird das Ganze von der Zigarettenmarke meiner Wahl: Marlboro! (Ohne jetzt Werbung machen zu wollen. Ihr wisst ja, rauchen ist schädlich!)


Movie Camp München, 31. Januar 2004

05:15 Uhr

Der Wecker klingelt. Jungs, das kann nicht Euer Ernst sein, oder? Wie ein Zombie erhebe ich mich aus dem Bett! Zwischenstopp im Badezimmer, kurzes Frühstück und dann geht’s los.

Das Buch von Regisseur David Mamet hatte ich mir extra am 18. Januar 2004 besorgt.
Das Buch von Regisseur David Mamet hatte ich mir extra am 18. Januar 2004 besorgt.

 

06:30 Uhr

Ich sitze im Auto, an meiner Seite ein ADAC-Autoatlas, eine Wegbeschreibung die ich tags zuvor im Internet gefunden habe und das Buch „Die Kunst der Filmregie“. (ob ich es überhaupt brauchen werde?) Letzter Check: Habe ich auch alles? Sieht ganz so aus, also los geht’s!

 

08 Uhr

Bis jetzt verlief die Fahrt recht ereignislos, ich habe soeben die Tore Münchens passiert, jedoch zeigen sich die ersten Tücken meiner Wegbeschreibung: Ich muss wohl eine Abfahrt zu früh genommen haben und stehe jetzt an einer Tankstelle unweit des Olympiastadions. Der mehr oder weniger freundliche Tankwart erklärt mir jedoch den richtigen Weg.

 

08:18 Uhr

Ich glaube, ich habe es gefunden. Zumindest die Biedersteiner Straße, die sich ganz in der Nähe meines Ziels befindet. Ich entschließe mich, das Auto abzustellen und den Rest zu laufen. Hatte ich schon erwähnt dass ich Stadtverkehr in fremden Großstädten hasse?

 

08:25 Uhr

So, ich stehe in der Osterwaldstraße, kann jedoch zu allem Unheil das „Werk“ nicht finden. Das Dumme ist aber: Genau da muss ich hin! Aber es gibt hier ein Parkhaus, und nachdem ich zum zweiten Mal am heutigen Tag auf die Ortskenntnis eines fachkundigen Einheimischen in Form des Pförtners zurückgreife, ist auch diese Hürde überwunden. Mehrere Leute bewegen sich auf eine Tür zu, also entschließe ich mich, ihnen zu folgen. Und siehe da: Ich bin angekommen!

08:30 Uhr

Check-in! Es werden zwei Polaroid-Fotos von mir geschossen und ich muss Kopien meines Führerscheins und Reisepasses vorzeigen. Dann gibt’s lecker Frühstück. Nach und nach trudeln auch alle anderen Teilnehmer des Camps ein. Ich komme gleich mit einigen von ihnen ins Gespräch. Dabei stellt sich heraus, dass ich ziemlich alt aussehe. Die meisten von ihnen haben schon halbprofessionelle bis professionelle Erfahrungen im Business gesammelt. Vor allem Phion beeindruckt mich mit einer Geschichte, die fast unglaublich klingt: Sechs Tage im Monat arbeitet er, indem er für große Sport-Events die Kameras stellt. Die restliche Zeit hat er frei. Ich will auch!

 

10 Uhr

Das Frühstück zieht sich nun schon eine ganze Weile hin und die Leute werden nervös: Wann geht's denn endlich los? Aber dann wird es plötzlich still und einer vom Marlboro-Team spricht ein paar Begrüßungsworte. Wie ich schon am Eingang erfahren habe, werden wir in Teams eingeteilt, wobei jedes Team einen Teil eines Films dreht, der dann am Ende zusammengeschnitten wird. Ich selbst bin beim „Team Red“. Ah ja!

 

10:10 Uhr

Unsere Gruppe, bestehend aus circa zwölf Personen, wird in einen Raum gebracht. Dort wird uns von Wolf, Karim, Alexandra und Steffi vom Marlboro-Team der weitere Tagesablauf erklärt und es kommt zur obligatorischen Vorstellungsrunde in Form von selbst gemalten Storyboards. Ich habe Glück, denn anscheinend werde ich den Tag nur mit angenehmen Menschen verbringen.

 

11:15 Uhr

Es wird ernst. Nachdem alle Rollen und Funktionen für unseren Film („Drifters“ soll er heißen, das Drehbuch ist vorgegeben) verteilt sind, geht es raus zur Dreh-Location. Ich selbst habe den verantwortungsvollen Posten des Cinematographers, der dafür sorgen muss, dass alle Kameras zur richtigen Zeit am richtigen Platz stehen und immer die optimale Perspektive benutzt wird.

Abends auf der Party: Sieht er nicht aus wie Joaquin Phoenix?
Abends auf der Party: Sieht er nicht aus wie Joaquin Phoenix?

11:45 Uhr

Wir sind vor Ort und es kann losgehen. Regie wird Matthias führen, ein sehr sympathischer Mensch, der selbst auch schon einige Erfahrungen in diesem Bereich hat. Es wird sich im Laufe des Tages herausstellen, dass er die optimale Wahl war. Außerdem weist er eine verblüffende Ähnlichkeit zu Russell Crowe auf, was er selbst jedoch nicht so sieht. Und noch jemand hat große Ähnlichkeit zu einem Hollywood-Darsteller: Sascha, der die Hauptrolle übernimmt. Er sieht nämlich aus wie Joaquin Phoenix!

Das Drehen selbst ist dann recht stressig, da Wolf, unser Producer, ständig an unseren knapp bemessenen Zeitplan erinnert. Ich komme mir gelegentlich recht verloren vor, da ich oft nichts zu tun habe. Deshalb versuche ich immer wieder, dem Regisseur Tipps für Kameraeinstellungen zu geben und die Kameraleute zu Höchstleistungen zu motivieren. Einige meiner Ideen wurden auch eingebracht, worauf ich besonders stolz bin.

Die Story des Films ist schnell erzählt: Ein Mann klebt Plakate an eine Litfaßsäule. Dabei verfällt er in Tagträume, die ihn glauben lassen, er sei ein berühmter Star. Am Ende wird er jäh aus diesen Träumen herausgerissen, und alles ist wieder „normal“. Ausgedacht hat sich den Plot Wolf.

 

14:30 Uhr

Geschafft! Die Dreharbeiten sind beendet, unsere Zeitplanung hat funktioniert. Jetzt sind alle erschöpft und hungrig, weshalb es zurück zur Kantine geht. Dort warten ein leckeres Essen und eine entspannende Zigarette auf uns.

 

15:15 Uhr

Wir befinden uns wieder in unserem kleinen Team-Raum. Nach einem kurzen Erfahrungsaustausch wird der Plan für den Nachmittag aufgestellt. Es werden diverse Workshops zum Thema Filmtechnik angeboten. Außerdem stehen ein Fotoshooting und ein persönliches Interview mit jedem Teilnehmer an.

 

16:15 Uhr

It’s time for the interview mentioned before! A girl form the Marlboro team asks me a lot of questions, of course in english. The topics are my impressions of the day, my experiences in film making and my favourite road movie.

 

16:45 Uhr

Fotoshooting! Auf meine Frage hin, wozu die Fotos verwendet werden, bekomme ich die Antwort: Für die Presse. Interessant! Ich werde also mein Konterfei vielleicht bald im „Prinz“ oder in der „Blond“ wiederfinden. Gleichzeitig werden Videoaufnahmen gemacht. Ich habe sowieso den Eindruck, wir werden den ganzen Tag von einem Typ mit Videokamera begleitet.

 

17 Uhr

Der erste Workshop zu digitalen Special Effects in Filmen beginnt. Ein kleiner, stickiger, abgedunkelter Raum mit einem Bildschirm und einem Techniker erwarten uns. Was er uns erklärt ist wirklich sehr interessant, leider bin ich viel zu müde, um mich genau zu konzentrieren.

Die Party nach dem Dreh.
Die Party nach dem Dreh.

17:27 Uhr

Eigentlich sollte ich jetzt noch in einen 3D-Workshop gehen, was ich jedoch wegen zwei Tatsachen ausfallen lasse: Zusammen mit dem zuvor erwähnten Phion wäre ich der einzige Teilnehmer, außerdem muss ich um 17:45 Uhr wieder im Team-Raum sein.

 

17:45 Uhr

Eine Zigarettenlänge später befinde ich mich wieder im besagten Raum. Zeit für ein abschließendes Feedback. Ich bekomme für meines tosenden Applaus, dabei habe ich nur die Wahrheit gesagt: dass ich selten vorher so viele tolle Menschen getroffen habe und stolz darauf bin, mit ihnen zusammengearbeitet haben zu dürfen. Jetzt muss jeder noch ein „Contact Sheet“ ausfüllen, damit wir auch kontaktiert werden können im Falle einer von uns kommt ins Finale nach Berlin. Insgesamt werden es vier Personen aus 80 sein, die es schaffen werden. Meine Zuversicht hält sich deshalb in Grenzen.

 

18 Uhr

Zeit für ein Gruppenfoto. Das kommt zusammen mit dem Film und dem Making-of auf eine DVD, die dann jeder von uns zugeschickt bekommt.

 

18:30 Uhr

Und schon wieder essen: Es gibt leckere Burger, und obwohl ich kaum Hunger verspüre, quäle ich mir ein Exemplar herunter.

 

19:30 Uhr

Meine Freunde Bruggy und Romy, die abends bei der Party als Gäste dabei sein werden, rufen mich an. Sie haben den ganzen Tag in München verbracht und sind jetzt auf dem Weg zu mir.

 

20 Uhr

Es geht los! Der rote Teppich ist ausgerollt, nach und nach trudeln jetzt auch alle Gäste ein. Bruggy und Romy sind mittlerweile auch angekommen. Die Party wird immer besser, je später der Abend wird. Ich lerne viele neue Leute kennen, und es gibt reichlich zu trinken. Zur Erinnerung lasse ich mich noch mit all denjenigen fotografieren, die ich an dem Tag kennen- und schätzen gelernt habe. Aber das wichtigste steht uns ja noch bevor: die Präsentation unseres Films, die für circa 21 Uhr geplant ist.

Auf der Bühne.
Auf der Bühne.

21:30 Uhr

Mit einer halben Stunde Verspätung wird endlich unser Film angekündigt. Die Stimmung steigt. Es werden nacheinander alle Teams auf die Bühne gerufen und mit donnerndem Applaus bedacht. Das ist ein wirklich großartiger Moment für mich! Und dann geht es los, der Film beginnt. Es zeigt sich, dass Karim mit dem Schnitt ganze Arbeit geleistet hat. Der komplette Film wurde mit Musik unterlegt und dauert circa acht Minuten. Die Menge ist begeistert. Es hat sich also für alle gelohnt, und das tollste ist, seinen Namen im Abspann zu lesen! Danach wird noch ein Making-of gezeigt, wo man mich selbst dann auch endlich einmal zu Gesicht bekommt.

 

1:10 Uhr

Mein Alkoholpegel ist merklich gestiegen, und die Veranstaltung wird dadurch beendet, dass die Musik ausgeschaltet wird. Schade eigentlich, aber wir wussten ja, dass um eins die Party vorbei sein würde. Ich kann natürlich nicht mehr fahren, also muss Romy, die auch schon sehr müde ist, mein Auto nach Hause manövrieren.

 

3:45 Uhr

Mir ist schlecht, aber ich liege im Bett, und das ist momentan alles was zählt! Einer der tollsten Tage meines Lebens geht zu Ende!


Die DVD ist leider kaum noch abspielbar.
Die DVD ist leider kaum noch abspielbar.

Das war er also: mein kurzer Moment des Ruhmes im Jahr 2004. Was ich im damaligen Text nicht erwähnt hatte: Einer der Teilnehmer war extra aus Ostfriesland angereist und hatte zur moralischen Unterstützung seine Schwester dabei. Dieses nette Mädel lernte ich abends auf der Party besser kennen und wir kamen uns etwas näher. Wir haben uns jedoch nach diesem Abend nie wieder gesehen.

 

Das erneute Lesen des Berichts nach längerer Zeit war für mich wie eine Zeitreise und führte mich zu mehreren Erkenntnissen. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, wie viel und mit welcher Selbstverständlichkeit ich damals geraucht habe. Und in Ermangelung der heute üblichen Navigationssysteme ist es spannend zu sehen, mit welchen Mitteln man sich damals beholfen hat. 

 

Bereits zwei Tage nach dem Dreh erhielt ich telefonisch die Mitteilung, dass es für ein Weiterkommen leider nicht gereicht hätte. Einige Wochen später bekam ich die DVD mit Film und Making-of zugesandt. Ich besitze die Scheibe noch immer, leider ist sie jedoch praktisch nicht mehr abspielbar. Nur einer meiner DVD-Player hat einige ruckelige Bilder ausgespuckt. Ein paar Sceenshots davon sind unten in der Galerie zu sehen. Die Produktionsfirma „Pictorion – Das Werk“ in München, in deren Räumlichkeiten das Camp stattfand, gibt es mittlerweile in dieser Form nicht mehr. Die Mitarbeiter der Firma sind jedoch zum Teil bis heute noch im Filmgeschäft tätig. Diese Zusammenarbeit mit Profis hatte sich Marlboro damals bestimmt einiges kosten lassen.

 

Wie ich eingangs erwähnt habe, wäre so etwas wie das „Marlboro Movie Camp“ in der heutigen Zeit  undenkbar. Weil die Schädlichkeit des Rauchens mittlerweile gängiger Konsens ist, verwundert es auch nicht, dass man über derartige Marketing-Maßnahmen im Netz nichts mehr findet. Auch wenn ich mittlerweile seit vielen Jahren nicht mehr rauche, bin ich jedoch froh, daran teilgenommen zu haben. Ich war zur damaligen Zeit noch als Bankkaufmann tätig und der Tag in München ließ mich von einer Karriere in den Medien träumen. Mittlerweile habe ich an vielen Filmen und TV-Serien mitgewirkt, betätige mich journalistisch und arbeite auch hauptberuflich im kreativen Bereich. Vielleicht hat dieser Tag auch ein wenig dazu beigetragen.