Steffen Anton, 02.01.2024
In meinem Heimatort Bernterode steht gegenüber des Bahnhofs ein Haus, welches heute nicht mehr als eine Ruine zu sein scheint. Die Fenster sind mit Brettern vernagelt und ein Bauzaun umgibt das komplette Areal. Die dicken Backsteinwände zeugen jedoch davon, dass es zu früheren Zeiten anscheinend einmal eine gewichtige Rolle gespielt haben muss. Und tatsächlich: Aus der Tradition des Ortes ist das Gebäude nicht wegzudenken. Es hat eine bewegte Geschichte hinter sich und seine Räume wurden schon auf Arten genutzt, welche unterschiedlicher kaum sein könnten. Auch in meiner eigenen Vergangenheit tauchte die Location immer wieder auf und daher möchte ich an dieser Stelle etwas darüber erzählen.
Ursprünglich wurde das Bauwerk als Gaststätte mit dem klangvollen Namen „Eichsfelder Pforte“ konzipiert. Die Lage war dabei geradezu ideal, denn der 1911 eingerichtete Bahnhof versprach einiges an Laufkundschaft. Diese Art der Nutzung blieb auch für eine sehr lange Zeit bestehen.
Interessant für mich persönlich wurde es jedoch natürlich erst ab den 1980er-Jahren. Aufgrund des großzügigen angebauten Saals, welcher Platz für bis zu 300 Menschen bot, wurden zur damaligen Zeit nämlich sämtliche wichtigen Veranstaltungen des Dorfes dort abgehalten, unter anderem auch der Kinderfasching. Auch wenn ich diese Zeit nicht mehr detailliert in Erinnerung habe, so ist mir jedoch ein Jahr im Kopf geblieben, in dem ich dort an Rosenmontag in Cowboymontur den Ententanz zelebriert habe.
Eine weitere und zumindest für mich noch weitaus bedeutsamere Nutzungsart in den Zeiten vor der Grenzöffnung war die als Kino. Filmtheater gab es in der DDR zwar hauptsächlich in den größeren Städten, aber dank des volkseigenen Betriebs VEB Lichtspielbetrieb Worbis kamen regelmäßig einmal im Monat Filmvorführer auf die Dörfer und präsentieren ausgewählte Streifen. Ausgewählt deshalb, weil natürlich eine systemseitige Vorselektion stattfand und nur solche Werke präsentiert werden durften, deren Botschaft auch zu den Idealen des Sozialismus passte. Wie dem auch sei, das war mir damals weder bewusst noch wichtig, ich wusste nur: Ab und zu war „auf dem Saal“ Kino angesagt. Zusammen mit meiner einige Jahre älteren Schwester kam ich daher an so manchem Nachmittag in den Genuss der Olsenbande oder anderer Filme. Anfang der 1980er-Jahre liefen hier auch die Prügelkomödien mit Bud Spencer und Terence Hill, das hat mir meine Schwester bestätigt. Leider war ich zu dieser Zeit jedoch hierfür noch zu klein.
„Der Saal“ stellte meine allererste Berührung mit dem Phänomen Kino dar, auch wenn es sich nur um ein Dorfkino handelte. Erst im Jahr 1990 sollte ich dann mit dem Film Werner beinhart meinen ersten „richtigen“ Kinobesuch erleben.
Als 1989 das System der DDR zusammenbrach, war es auch mit dem Kino vorbei. Die Gaststätte wurde von Privatleuten übernommen, und das nächste für mich erinnerungswürdige Ereignis war die dort stattfindende Feier des vierzigsten Geburtstags meiner Mutter im Jahr 1990.
Doch richtig spannend wurde es für mich erst, als ich ins Teenageralter kam. Ich war zu dieser Zeit eher als Computer spielender Stubenhocker unterwegs und daher auch wenig daran interessiert, mich abends draußen mit Gleichaltrigen zu treffen. Mädchen standen ebenfalls noch kaum in meinem Fokus. Als jedoch die Nachricht von der Eröffnung einer Diskothek „auf dem Saal“ die Runde machte, konnte auch ich mich diesem Hype nicht verschließen. Mit 14 Jahren das erste Mal in eine Disco zu gehen war schon etwas besonders. Und das auch noch in unserem eigenen Dorf!
Und so saß ich an einigen Freitagen der Jahre 1993 oder 1994 Cola schlürfend mit meinen Kumpels an einem Tisch in der Nähe der Tanzfläche und schaute „den Weibern“ zu, die wiederum den älteren Jungs schöne Augen machten und belächelten deren Versuche rhythmischer Bewegungen. Die eine oder andere durchaus vorhandene Schwärmerei wollte man damals noch nicht zugeben. Spätestens um zehn Uhr war dann altersbedingt Schluss für uns.
Für den Nerd in mir war ebenfalls etwas geboten: Links neben der Tür zur Toilette war mit Activisions „Express Raider“ ein waschechter Arcade-Automat aufgestellt, in welchen ich damals mehr als nur eine Mark versenkt habe. Oftmals verbrachte ich sogar den Großteil des Abends an diesem Gerät. Dass ich damit als noch uncooler galt – geschenkt!
Ein Getränk prägte für mich ebenfalls das Flair der damaligen Zeit: Batida de Coco. Zusammen mit Kirschsaft ergab das nämlich eine gleichermaßen schmackhafte wie beschwipsende Mischung, an die ich mich gern erinnere. Seit einigen Jahren ist der Drink wieder in Mode, dem Bachelor sei Dank.
Getanzt habe ich aus bereits genannten Gründen zwar seinerzeit nicht, dennoch gehören für mich viele der vom DJ gespielten Lieder zum Soundtrack meiner Jugend. Eine kurze Playlist möchte ich deshalb nachfolgend aufführen. Jedes einzelne der Lieder wirkt für mich auch heute noch bei jedem Anhören wie eine kleine Zeitreise.
DJ Bobo: „Somebody dance with me“
DJ Jazzy Jeff & the Fresh Prince: „Boom! Shake the Room“
Pet Shop Boys: „Go West“
Urban Cookie Collective: „The Key, the Secret“
Capella: „U got 2 let the Music“
Freddie Mercury: „Living on my own“
Die Ärzte: „Schrei nach Liebe“
Irgendwann war jedoch auch diese Phase vorbei und die Disco schloss ihre Pforten. Einige Zeit stand das Gebäude leer, und dann begann sich ein Gerücht im Dorf auszubreiten: Jemand hätte dort ein Bordell eingerichtet. Und das in unserem friedlichen kleinen Örtchen! Es kam zu abenteuerlichen Geschichten von verheirateten Familienvätern, die mit dem Auto in den Nachbarort fuhren, um von dort aus mit dem Zug wieder nach Bernterode zu fahren und dort „in den Puff zu gehen“. Ob das stimmt, kann nicht beurteilen. Was jedoch stimmte, waren die Gerüchte: Eines Nachts kam es zu einem Polizeieinsatz, und mehrere aus Osteuropa stammende Mädchen wurden aufgegriffen. Das Ganze war ein regelrechter Skandal im Dorf. Und für uns Jugendliche war es auch irgendwie seltsam, schließlich hatte uns unser morgendlicher (Schul-)Weg zum Bahnhof jahrelang an diesem Etablissement vorbei geführt.
Nach dieser Episode wurde die Nutzung des Gebäudes endgültig eingestellt und es verfiel zunehmend. Aber immer wieder einmal wenn ich in meiner alten Heimat bin, führt mich mein Weg zu diesem Haus, und ich gedenke der schönen Stunden, die ich dort verbracht habe. Und manchmal frage ich mich, wohin es wohl den alten Arcade-Automaten verschlagen hat.
Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 21.02. 2022 auf Retrokram.