Zwischen Systemtreue und Sehnsucht – Druckerzeugnisse aus Ost und West

Steffen Anton, 14.05. 2026


Mein erstes Lebensjahrzehnt waren die 1980er-Jahre. Diese Zeit war charakterisiert vom Gegensatz zwischen zwei Staaten. Ich selbst wuchs in der DDR auf und wurde durch deren System geprägt. Gleichzeitig jedoch lag quasi vor unserer Haustür die Grenze zur BRD, und immer wieder einmal schwappten deren bunte, glänzende Produkte zu uns herüber und weckten eine tiefe Sehnsucht in mir. Dieser Gegensatz war auch in den jeweiligen Print-Produkten erkennbar. Daher möchte ich an dieser Stelle einige Hefte aus Ost und West vorstellen, die mich damals begleitet haben. Den meisten ist gemeinsam, dass ich sie mir erst in jüngerer Vergangenheit wieder zugelegt habe, da sie im Laufe der Jahre abhanden gekommen waren.

„Atze“

Die Ausgabe 9/1987 des "Atze".
Die Ausgabe 9/1987 des "Atze".

Die Zeitschrift „Atze“ war ein Comicmagazin der DDR, welches von 1955 bis 1991 erschienen ist. Hinter dem Heft stand mit der FDJ (Freie Deutsche Jugend) die staatliche Jugendorganisation.

Ich war als Kind kein großer Fan der DDR-Comics, die im Vergleich zu den entsprechenden Produkten des Westens sehr altbacken wirkten. Ab und an besorgte ich mir jedoch zum Zeitvertreib für 20 Pfennig einmal ein Heft.

Am interessantesten fand ich die Reihen „Pats Reiseabenteuer“ sowie „Fix und Fax“. Letzteres waren die Erlebnisse zweier Mäuse, Disney und Kauka lassen grüßen. 

"Das schnieke Mäuslein" blieb mir in Erinnerung.
"Das schnieke Mäuslein" blieb mir in Erinnerung.

Auf dem Bild ist die Ausgabe 9/1987 zu sehen, die ich damals hatte. Dort ist die Rede vom Restaurant „Das schnieke Mäuslein“. An diesen Namen konnte ich mich noch erinnern und habe auch nur aus diesem Grund das Heft wieder ausfindig gemacht.

Es ist schön, Gegenstände in den Händen zu halten, die man fast 40 Jahre nicht mehr gesehen hat. 

Karussell-Katalog

Es muss 1988 gewesen sein: Meine Mutter brachte mir von einem Besuch im „Westen“ die Pumuckl-Hörspielkassette „Die Bergtour“ mit. Und noch etwas hatte sie dabei: einen Katalog der Firma Karussell, in welchem deren komplettes Hörspielprogramm enthalten war.

Dieses Heft war fortan mein größter Schatz, viele der kleinen Bildchen schnitt ich aus und behielt sie entweder für mich selbst oder nutzte sie in meiner Klasse als heiß begehrte Tauschware.

Lange war ich auf der Suche nach genau diesem Katalog, mittlerweile besitze ich ihn wieder. Das Durchblättern gleicht jedes Mal einer kleinen Zeitreise. 

Brandschutzfibel

Bild unten: Die politische Erziehung blieb auch bei der "Brandschutzfibel" nicht aus.
Bild unten: Die politische Erziehung blieb auch bei der "Brandschutzfibel" nicht aus.

In der DDR gab es zwar keine Pfadfinder in dem Sinne, wie wir sie heute kennen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich als Kind nicht in einer Organisation engagieren konnte. Nur war eben alles in gewisser Weise staatlich vorgegeben und kontrolliert.

Ich selbst war beispielsweise eine Zeitlang Mitglied der „Jungen Brandschutzhelfer“. Man traf sich regelmäßig im Feuerwehrhaus und lernte den Umgang mit Löschgeräten. Das Wissen wurde jedoch auch theoretisch vermittelt, unter anderem mit Hilfe der Brandschutzfibel. Die etwas altbackene Gestaltung war typisch für die DDR. Und auch die politische Gesinnung sollte schon im Kindesalter geschärft werden, wie auf dem unteren Bild zu sehen ist. Wie dem auch sei, es handelt sich dennoch oder gerade deswegen um ein Stück Kulturgeschichte. 

Taschenfahrplan DDR

Auf dem Bild ist der Taschenfahrplan der Reichsbahndirektion Erfurt 1988/1989 zu sehen. Warum gerade dieser? Zum einen deshalb, weil sich genau dieser Fahrplan im Besitz von Verwandten befand und ich mich noch gut erinnern kann, ihn immer wieder durchgeblättert zu haben.

Zum anderen, weil man an ihm das alltägliche Leben in der DDR nachvollziehen kann. Das Heft enthält nämlich nicht nur die Abfahrts- und Ankunftszeiten von Zügen, sondern auch diverse Werbeanzeigen und Botschaften an die Bürger. Somit wird es auch zum Zeitdokument.

Allgegenwärtig in der DDR waren beispielsweise diverse Piktogramme, welche in ihrem altbackenen und fast naiven Stil typisch waren. Und auch hier sind sie zahlreich enthalten.

Eine weitere und für mich persönlich wichtige Bedeutung hat der Fahrplan deshalb, weil sich die Abfahrtszeiten der Züge auch in den 1990er-Jahren nicht geändert hatten, und ich somit heute noch gut meinen eigenen damaligen Tagesablauf (morgens um 07:05 Uhr mit dem Zug zur Schule nach Leinefelde fahren) rekonstruieren kann.

Berry-Comic

In den 1980er-Jahren hatten viele Produkte zur besseren Vermarktung in der Zielgruppe ein Maskottchen in Form einer Comic-Figur. Sei es nun Tony, der Tiger, der am liebsten Kellogg's Frosties zum Frühstück verzehrte oder Quicky, der Nesquick-Hase. Ein weiteres anthropomorphes Tier aus dieser Reihe war Berry, der Plantagen-Bär. Er war die Symbolfigur von Kaba-Kakao. Zu dieser Zeit waren den Dosen immer kleine Comic-Heftchen mit den Abenteuern von Berry und seinen Freunden beigelegt. Leckeres Getränkepulver mit viel Zucker verbunden mit kostenlosem Comicspaß? Damit hatten sie mich! Explizit erinnern kann ich mich noch an die abgebildete Ausgabe „Bei den Karl-May-Spielen“.

Hotelführer DDR

Der DDR-Hotelführer. Rechts: Auf den Piktogrammen konnte man die Ausstattung der Zimmer ablesen.
Der DDR-Hotelführer. Rechts: Auf den Piktogrammen konnte man die Ausstattung der Zimmer ablesen.

Auf dem Bild ist ein Buch zu sehen, das in den 1980er-Jahren bei meinen Eltern im Schrank stand und das ich als Kind oft in der Hand hatte: der „Hotelführer DDR“. Es handelt sich hierbei um ein komplettes Verzeichnis mit sämtlichen Hotels der Republik. Die Ironie: Die meisten der aufgelisteten Unterkünfte, vor allem die guten, standen dem mit Ostmark zahlenden Normalbürger gar nicht zur Verfügung und waren Gästen aus dem westlichen Ausland vorbehalten. Trotzdem oder gerade deshalb schmökerte ich seinerzeit gern in dem Buch und stellte mir vor, wie es sein würde, in einem Zimmer mit eigenem TV-Gerät zu übernachten. Das Geschenk, heute überall hingehen zu können, wo man möchte, kann gar nicht hoch genug gewürdigt werden.

Matchbox-Katalog 1987

Die Leipziger Messe war in der DDR so etwas wie das Tor zum Westen. Die Ausstellung fand von 1947 bis 1991 zweimal jährlich statt und lockte nicht nur Aussteller der Ostblock-Staaten an. Daher war ein dortiger Besuch bei DDR-Bürgern sehr begehrt. Ich selbst war in den 1980er-Jahren noch zu klein, aber mein Vater war mehrmals dort, und 1987 war auch meine ältere Schwester mit dabei. Ihr Mitbringsel für mich war der aktuelle Produktkatalog der Matchbox-Autos des Jahres 1987. Diese kleinen Modellfahrzeuge aus Metall waren mir natürlich bekannt, immer wieder einmal hatte ich eines aus dem Intershop bekommen. Nun besaß ich ein ganzes Heft mit Matchbox-Abbildungen und war darüber sehr glücklich.